La Familia

L

Zwanzig Minuten nachdem der geforderte “Check-in” von Thorbens Bus zum Flughafen bereits verstrichen war, und 10 Minuten vor der geplanten Abfahrt, rannte Thorben nun den letzten Kilometer zur Bushaltestelle mit all seinen Gepäck, um in letzter Minute seinen Bus zu erwischen. Kurz davor saßen wir noch bei unserem gemeinsamen Abschieds-Lobster-Lunch und warteten auf zwei Mojitos, um final auf zwei unvergessliche gemeinsame Wochen anzustoßen. Blöd nur, das sich die Bar diesmal ziemlich viel Zeit ließ, und die Cocktails schließlich 5 Minuten nach Thorbens “absoluter Deadline bei der er losrennen würde” auf unserem Tisch ankamen. Selbstverständlich war der gute Herr noch da, leerte sein Glas in einem einzigen Schluck, verabschiedete sich, und war verschwunden. Darf ich vorstellen, einer meiner besten Freunde, der lieber seinen Bus verpasst, als mir einen zweiten Mojito zu gönnen.. 😀

Lobster-Abschiedsdinner
Lobster-Abschiedsdinner

Und dann war ich auch schon schlagartig alleine mit meinem noch fast komplett vollen Cocktail, der übrigens wie ich wenig später herausfand mehr als doppelt so teuer war, wie alle anderen, die wir bislang getrunken hatten..! Der relativ faire Essenspreis hätte uns stutzig machen sollen, auf Kuba wird einem wirklich nie etwas “geschenkt”..!


Noch fast eine Stunde bleibe ich sitzen, lasse den Tag ein wenig auf mich wirken und begreife so langsam, das ich nun eine ganze Menge Zeit haben würde die Reise und auch alles andere ein wenig sacken zu lassen, zu reflektieren, und auch ein wenig zur Ruhe zu kommen.


Mal wieder frage ich mich, wie es eigentlich dazu gekommen ist, dass ich nun hier sitze, anstatt noch weiter den Osten des Landes unsicher mache. Normalerweise kann ich auf solchen reisen gar nicht genug sehen, und denke erst auf dem Flug in die Heimat, dass evtl. ein oder zwei Tage Ruhe am Ende ganz gut gewesen wären. Nun habe ich mich jedoch auf der Rückfahrt aus Santiago dazu entschieden voraussichtlich ganze 6 weitere Tage in Varadero zu verbringen, bevor es mit einem kurzen Zwischenstopp in Havanna zum Gepäck abholen weiter nach Washington geht. Irgendwie sagt mir mein Bauch, dass mir dies besser tun würde, als alleine weitere Städte und mittelmäßige Landschaften zu erkunden. Und mein Portmonee auch.

Vieles was wir auf dieser Reise hier erleben durften war absolut einmalig, unvergesslich, und prägend. Vom ersten Tag an hat sich Kuba grundlegend anders als z.B. das gar nicht so weit entfernte Nicaragua angefühlt. Die Zeit scheint hier wirklich in vielerlei Hinsicht noch stehen geblieben zu sein, sodass man in eine Welt eintaucht, in der es mir schwer fällt mich so richtig zu “akklimatisieren”. Wäre es leichter in diese Zeit einzutauchen, würde ich vermutlich noch viel mehr an diesem Land entdecken, das mich fasziniert. Doch habe ich noch nirgends auf der Welt eine so massive unsichtbare Mauer zwischen dem Land und der Tourismusindustrie vorgefunden, wie hier auf Kuba. Eine eigene Währung für Touristen, Busgesellschaften speziell für Touristen (die für Einheimische darf man nicht benutzen) und viele viele weitere Dinge hinterlassen stetig das Gefühl, das die Portmonees der Touristen gerne gesehen sind, aber nur an Orten, die speziell für diese angelegt wurden. Auch hinterließ sich dieser Eindruck stärker als sonst beim Umgang der Leute mit uns. Wirklich keine einzige Situation haben wir erlebt, wo uns Hilfe angeboten wurde, ohne nicht anschließend zu versuchen uns etwas zu verkaufen oder ein Trinkgeld zu fordern. Ähnliche Erfahrungen hatten auch Reisende mit denen wir sprachen, die mit erheblich besseren Spanischkenntnissen unterwegs waren.

Und bevor das nun noch unzufriedener klingt, möchte ich hervorheben, dass ich dies alles besonders an den ersten Tagen alles andere als schlecht fand. Vielmehr hat mich diese für mich ungewohnte Situation fasziniert und neugierig gemacht herauszufinden was die Ursachen für diese Erlebnisse sind. Und für genau solche nachdenklichen Momente liebe ich unter anderem das Reisen so sehr. Noch viele Wochen, Monate und vermutlich Jahre werde ich über meine Erfahrungen hier nachdenken, und von ihnen lernen. Heute kann und möchte ich noch keine Erklärversuche starten, freue mich aber schon sehr darauf mit anderen Leuten darüber zu reden, besonders wenn diese auch schon einmal das Glück hatten hier gewesen zu sein.

Nach zwei Wochen Reizüberflutung sind sowohl Thorben, als auch ich, an den Punkt gekommen, dass wir sehr viele dieser Eindrücke die wir uns erhofft haben mitnehmen können – von diesen teils sogar ehrlicherweise auch einfach nur noch genervt sind – und uns zunehmend ein wenig mehr “Adventure” gewünscht hätten, das wie nirgends so richtig gefunden haben. Auch hier mag es Leute geben, die auf Kuba waren und uns fundamental widersprechen und auch landschaftlich von diesem Land verzaubert wurden, und ich würde mich sehr darüber freuen von solchen Leuten zu hören. Doch konnte uns persönlich nichts auf unserer Suche nach Landschaftlichen Erlebnissen auf dieser Reise wirklich faszinieren. Alles was wir erlebt haben und von dem wie gehört und gelesen haben schien stetig eher “mittelmäßig” zu sein. Und besonders wenn man wie bei uns Studenten bis zu einem gewissen Grad bei potentiellen Erlebnissen eine “unterschwellige Rechnung” veranschlagt, singt die eigentlich unermüdliche Wanderlust doch ein ganzes Stück.

Und so bin ich dann doch gar nicht so überraschend mit Thorben in den Bus ins Strandparadies gestiegen, anstatt alleine einige teure Wanderungen anzustellen, bei denen ich pessimistisch war, dass diese auch nur ansatzweise meinen inneren Buchhalter zufriedenstellen würden.

Passenderweise konnte ich mein Verhalten in den Tagen danach sogar umso mehr in Frage stellen, als ich in meiner Zeit am Strand endlich dazu kam “Thinking fast and slow” von Daniel Kahnemann zu verschlingen, und feststellen musste, dass ich auf Geld bezogen eine recht hohe Risikoaversion habe, durch diese aber immerhin dazu tendiere dem Fehlschuss aus irreversiblen Kosten zu widerstehen. 😀

Varadero

Wie ich bereits erzähle schafften wir es glücklicherweise zumindest einen passenden Bus von Santiago de Cuba nach Havanna zu ergattern. Nur wollten wir ja eigentlich ins knapp drei Stunden entfernte Varadero gelangen. Also kamen wir mal wieder nach den ersten 12 Stunden Busfahrt auf die spontane Idee, den Busfahrer zu fragen uns früher rauszulassen und uns ein Taxi zu organisieren, dass uns in einer knappen Stunde nach Varadero bringen sollte. Davon abgesehen, dass wir bei der Durchschnittsgeschwindigkeit des Taxis von knapp 40 km/h wegen ein wenig Regen fast ausgerastet sind, kamen wir so tatsächlich noch Abends gegen 22 Uhr in Varadero an – nur 18 Stunden nach dem Aufstehen! 😀 Blöd nur, dass wir durch den spontanen Zielwechsel noch keine Unterkunft hatten und so erst einmal eine knappe Stunde “Klinken putzen” durften, bis wir eine freue Casa Particular fanden. Dabei fühlt man sich zugegebenermaßen schon ein wenig wie ein Obdachloser 😀 Aber schließlich fanden wir also ein Zimmer und konnten so noch ein letztes mal gemeinsam entspannt frühstücken, bevor Thorben mich wie oben beschrieben im Stich ließ 😉

Und dann war ich also alleine. Zu Fuß spazierte ich mit meinem Gepäck die knapp 5km zu meiner Casa Particular “La Familia” bei schwülen 38°C. Die Ruhephase würde ja schließlich früh genug beginnen. 😉 Unglaublich herzlich wurde ich empfangen und fühlte mich vom ersten Moment an pudelwohl. Mein Gastgeber stellte sich als ein Geschichts-Professor heraus, der glücklicherweise auch recht gutes Englisch sprach, und ich dadurch in den kommenden Tagen noch viele Erzählungen über die Geschichte Kubas zu hören bekam. Eine bessere letzte Unterkunft hätte ich mir nicht vorstellen können! Die letzten Tage verbrachte ich damit am Strand und auf der Dachterrasse meiner Unterkunft endlich mal wieder ein wenig mehr zu lesen und Podcasts zu hören. Und auch einfach mal über alles und nichts nachzudenken.

Knapp 3000 Seiten, unzählige Podcasts- & Hörbuchstunden und viele Spaziergänge inkl. Sonnenbränden später war die Woche in Varadero dann aber doch plötzlich schon vorbei. Einige Tage Auszeit tun mir doch mehr gut, als ich es mir hätte vorstellen können. Auch wenn mir vermutlich in Zukunft eher drei Tage reichen werden. Man muss es ja nicht übertreiben! 😉

Am Mittwoch den 11. August ging es dann schließlich mit dem Bus nach Havanna, wo ich einen letzten Abend verbrachte und anschließend am Donnerstag in den Flieger nach Washington D.C. stieg. Auf geht es in’s Auslandssemester-Abenteuer. Ich freue mich riesig drauf!

Auf dem Weg zum Flughafen
Auf dem Weg zum Flughafen, 2h Bus statt 30 min Taxi. Dafür auch nur 2 statt 30US$ 😉

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